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Auszug aus der Rede zur Ausstellungseröffnung in der Galerie Mönch, am 10. Mai 2014.
Von Ulrike Lauber



Atelierbesuch bei Friedrich Gobbesso. Eine Fabriketage im tiefen Wedding, gegenüber vom alten Schwimmbad, vierter Hinterhof. Chaos und Gestaltung, Material und viele, viele Werkzeuge. Nur wenig Kunst an der Wand, viel mehr eine ganz eigene Präsenz vom Zupacken, von Materialhaftem, vom Gestalten. Die wunderschöne alte Stanzmaschine auf dem Werktisch – oder ist es der Esstisch? Eine riesige selbstgebaute Lampe steht irgendwie immer im Weg. Viele unterschiedliche Dinge und herrliche Werkzeuge, die teilweise gesammelt sind, teilweise vom Vater geerbt.
Nicht zu viel Platz, aber alles da: gemeinsam mit dem befreundeten Architekten Nicolas Sypereck hat Friedrich Gobbesso einen kleinen aber genialen Wohnkubus in das Loft der alten Fabrik gestellt: ein freistehendes Volumen im Raum, das ein WC, die Dusche, Garderobe und Küche und obendrauf eine Schlafmöglichkeit enthält. Sehr schön detailliert, eine Freude für mich als Architektin. Ist es ein Atelier oder ein Wohnraum? Nicht so ganz auszumachen.
Und dann auf den zweiten Blick die Kunst. Ein zerklüftetes Wandrelief aus alten, industriell gefertigten Bauteilen wie Türblättern oder Resopalplatten, die zertrennt und neu zusammengesetzt wurden. Friedrich Gobbesso durchbricht gezielt die Oberfläche des Materials und stemmt neue, dreidimensionale Körper als erhabene Struktur in die flachen, eher zweidimensionalen Flächen hinein. Die verschiedenartigen Strukturen der Innereien der verwendeten Werkstoffe werden sichtbar. Das Innere zeigt sich und wird mit Neuem überlagert. Ist das konstruktivistisch oder dekonstruktiv?
Ach so: Fotografie ist das Thema. Man könnte abschweifen, denn Friedrich Gobbesso ist nicht nur Fotograf, er hat Bildhauerei studiert! Er ist also ein dreidimensionaler Mensch. Seine künstlerische Arbeit umfasst Skulpturen, Installationen, Drucke und Fotografie. Die Unterschiedlichkeit dieser Gebiete spiegelt Gobbessos sehr eigenen schöpferischen Ansatz wider.
Die fotografischen Experimente von Friedrich Gobbesso sind Fotografien, aber nicht im klassischen Sinn. Es ist eine Fotokunst ohne Kamera, reine Lichtbildnerei. Fotografie allein unter Bearbeitung des Materials, eigen und am ehesten noch zu vergleichen mit einem Fotogramm. Nicht digital, sondern sehr analog: Friedrich Gobbesso ist kein Photoshopper!
In der Welt der Fotografie ist heute doch sonst nur eine Richtung zu erkennen: ins Digitale. Aber gleichzeitig gibt es eine große Sehnsucht nach der Echtheit in der Fotografie. Man kann es vielleicht ein wenig vergleichen mit der Tontechnik, mit der analogen Schallplatte und der digitalen CD. Diese Fotografien sind nicht mit einer Digitalkamera fotografiert oder im Computer über Bildbearbeitungsprogramme gemacht, verändert oder verfeinert und als Ergebnis als Ausdruck geliefert – immer basierend auf dem digitalen Code von Aus oder Ein, von Null oder Eins. Die Arbeiten von Friedrich Gobbesso haben keinen Computer gesehen, sind nie in Pixel umgerechnet worden oder als Datei gespeichert.
Bei der digitalen Fotografie hat die präzise Aussage von exakten Bildpunkten, den Pixeln, keinerlei Zufälligkeit. Hier ist alles berechnet oder zumindest berechenbar. Alles kann verändert werden, nachträglich, auch willkürlich manipuliert.
Wenn wir die Fotografien von Friedrich Gobbesso ansehen, die nicht berechnet und auch nicht berechenbar sind, aber sehr wohl bedacht, scheint bei ihm der Zufall ein kollegialer Mitspieler zu sein, nicht ein ungeliebter Quälgeist. Die Arbeiten haben keine Beliebigkeit, zeigen sehr wohl aber ein kunstvolles Fügen und Auswählen. Sie sind ohne Gegenständlichkeit, ohne erkennbare Aussage, aber sie sind nicht bedeutungslos. Vieles aus der bunten Bilderwelt, mit dem wir jeden Tag reichlich eingedeckt werden, hat doch scheinbar ganz viel Aussage, ist aber ohne jede Bedeutung.
Die Vorbereitung der fotografischen Experimente von Friedrich Gobbesso hat einen stark handwerklich geprägten Aspekt, fast schon einen ‚bildhauerischen‘. Er gibt nicht viel aus der Hand. Er hat sein gesamtes Equipment selbst gebaut. Nicht nur sein Loft, auch die Dunkelkammer, die Entwickler- und Fixierbecken in enormer Größe, die Schalen für die Erzeugung der Wellenbewegungen im Wasser. Friedrich Gobbesso hat einen ganz eigenen Umgang mit Materialien. Er weiß um die optischen, die physikalischen und chemischen Reaktionen. Wie kommt man sonst auf die Idee, Kunststofffolien anzukokeln und abzufackeln und das dann als eine Art ‚Negativ‘ zu benutzen, wenn man nicht weiß, wie sich ein solches Material verhält, was beim Vergrößern passiert.
Auch wenn seine Arbeiten viel Zufall in sich tragen, Friedrich Gobbesso hat eine solide Ausbildung, ohne die er nicht auf diese Reduktion im Ausdruck kommen könnte. Seine bildhauerischen und fotografischen Erfahrungen ermöglichen ihm, mit dem kalkulierten Zufall zu spielen und ihn in seiner Arbeit konkret einzusetzen. Durch das beherrschte Handwerk bleibt er in seiner künstlerischen Arbeit nicht an der strukturellen Oberfläche.